Lesestoff

Auferstanden aus Ruinen

Der Philosoph und „Wellnessdenker“ Alain de Botton hat ein Rezept gegen Status-Symptome: die eigene Vergänglichkeit erkennen.

Seit aus Adam und Eva eine Vielzahl von Menschen wurde, gibt es Statuskämpfe und Statusängste. Denn mit den Hierarchien entstanden die Embleme der Macht und des Reichtums. Allerdings nehmen die Statusängste seit der industriellen Revolution – also seit rund 250 Jahren – markant zu. Das behauptet der historisch trittsichere Professor für Philosophie, Alain de Botton, in seinem Buch „Statusangst“. Warum? Weil mit der industriellen Revolution die ständische Ordnung zu erodieren begann; weil damit die gesellschaftliche Mobilität zunahm; weil kurzum Status nicht mehr festgeschrieben war – wie etwa durchs adlige Bluterbe – sondern zugeschrieben wurde. Jeder, so verspricht der demokratische Kapitalismus heute, kann es mit Fleiss und Talent zu etwas bringen und das mit entsprechenden Status-Symbolen auch zum Ausdruck bringen.

Das Protzen mit Status-Symbolen entspringt dabei stets dem gleichen Wunsch, „geliebt zu werden“ (de Botton). Ein schillerndes Beispiel diesbezüglich ist der gefallene Milliardärssohn und Playboy Carl Hirschmann. Schon immer war klar: Er ist ein Protzer, der immer mehr geprotzt hat, der nie genug protzen konnte. Heute weiss der Boulevard: Er suchte nur Anerkennung und Liebe. Beides fand er nicht, weder durchs Abhängen mit 50 Cent, noch durch Liaisons mit Paris Hilton oder der Ex-Miss-Schweiz.

Alain de Botton würde Hirschmann vielleicht den Tipp geben, mal nach Kaiseraugst zu pilgern und dort die römischen Ruinen zu betrachten. Eine etwas öde Idee, fürwahr, Carli, aber: „Ruinen bezeugen, wie töricht unsere Angewohnheit ist, unseren Seelenfrieden den unbeständigen Manifestationen irdischer Macht zu opfern. Beim Betrachten von Trümmergestein wird die Angst um unsere eigenen Erfolge – oder deren Ausbleiben – gemildert … Im Angesicht der Ewigkeit schrumpft das, was uns umtreibt, zur Bedeutungslosigkeit.“ Das wusste auch schon der Dichter Thomas Gray 1751: „Die Pfade des Ruhms führen sämtlich ins Grab.“

Alain de Botton. Statusangst. Fischer, 2004.