Erschienen in der Weltwoche Ausgabe 04/10

Fahrbarer Untersatz

Wer einen Dacia fährt, will nur von A nach B kommen. Deshalb ist die Billigmarke zum Statussymbol geworden.

Die Deutschen haben ein vergleichsweise obsessives Verhältnis zu ihrer Geschichte. Damit zu spielen, geht in der Kunst wie im Film oft daneben. Zuletzt ist es einem rumänischen Autohersteller gelungen, eine der heitersten Stunden der deutschen Geschichte im 20. Jahrhundert als Klamauk für die eigenen Zwecke einzusetzen. Detailgetreu nachgestellt wurde jene mythenumrankte Pressekonferenz vor 20 Jahren, an der das Politbüro-Mitglied Günther Schabowski erklärte, dass die DDR-Bürger künftig ohne Visa verreisen könnten. An jenem denkwürdigen 9. November 1989 fiel die Mauer und mit ihr wohl auch der Warschauer Pakt auseinander. Gedreht wurde der Spot im Haus des Rundfunks, dem ehemaligen Rundfunkgebäude der DDR, um die neue Preisoffensive der sowieso schon günstigen Fahrzeuge zu verkünden.

Gewagt ist dieser Spot, weil die Firma Dacia selbst ihre Wurzeln im Warschauer Pakt hat. Da macht ein ehemaliges Volksmobil des real existierenden Sozialismus seine Pointen auf Kosten kommunistischer Ikonen. Sie taugen heute nicht mehr als Schrecken, sondern kurbeln einen selbstbewussten und gut gelaunten Kapitalismus an. Aus den Automarken des Warschauer Paktes wie Skoda (jetzt VW-Tochter) und Dacia (jetzt Renault-Tochter) sind erfolgreiche Marken geworden. Ihr sozialistisches Erbe steckt in ihrer Schnörkellosigkeit, wobei sich Skoda auch zum Luxus bekennt.

Die Dacias sind solide, günstige Autos. Technisch nicht mehr ganz auf dem neuesten Stand, setzen sie auf bewährte Renault-Technik.
Dacia-Kunden wollen lediglich einen fahrbaren Untersatz, der sie – so die Werbung! – von A nach B bringt.

Dacia-Besitzer glauben, sie würden sich der Statuskommunikation über das Auto verweigern. Mittlerweile scheint fast das Gegenteil zutreffend: Die Statusverweigerung ist zu einer Art Status geworden. Die Marke selbst lebt unbekümmert von der PS-Prosa ihres Produkts. Das Unterstatement wirkt zunehmend statussicher.

Der Werbespot demonstriert dieses Selbstbewusstsein: Die kommunistische Vergangenheit wird als radical chic in die Gegenwart gedehnt. Der Dacia hat sich eher als „angesagte Marke“ denn als reines Discounterprodukt etabliert. Junge Familien fühlen sich in der ultraprosaischen Kiste wohl – und investieren das gesparte Geld in das Kinderzimmer oder einen hochwertigen Krippenplatz.

Einen Sandero zu fahren, ist eine gewünscht unaufregende Sache. Er sieht zeitgenössisch aus, hat ausreichende 75 PS und schafft es auf der Autobahn auf immerhin 161 km/h, auch wenn erfahrene Tester dabei von einer ungewöhnlichen Lärmkulisse berichten. Der Sandero, der in Brasilien gebaut wird, ist ein etwas hagerer Renault Clio, der schon deshalb kaum Ärger macht, weil die Technik so simpel angelegt ist.

Bedeutete Sozialismus einst, die werkkräftigen Massen zu mobilisieren, so wird dies dank dem Dacia aktualisiert. Diesen Neuwagen kann sich fast jeder leisten.

Ulf Poschardt ist stellvertretender Chefredakteur der Welt am Sonntag in Berlin.
Dieser Artikel erschien in der Weltwoche Ausgabe 04/10.