
Angefangen habe ich mit dem Rappen, um die Mädels zu beeindrucken. Wenn man 16 Jahre alt und weder besonders hübsch noch reich ist, kann man sich so am ehesten interessant machen. Wie alle Rapper wollte ich mein mickriges Selbstvertrauen etwas aufmotzen, und da die dicken Goldketten an meiner mickrigen Figur einfach lächerlich ausgesehen hätten, blieb mir mit meiner Muttersöhnchenoptik nichts anderes übrig, als der beste Rapper im ganzen Land zu werden. Heute, 16 Jahre später, bin ich zwar dreimal in Folge als bester Rapper ausgezeichnet worden, aber manchmal denke ich: Die Mädels hätte ich vielleicht effizienter beeindruckt, wenn ich wie die anderen Hanteln gestemmt und Status-Symbole angehäuft hätte.
Im Endeffekt habe ich die meiste Zeit mit Musikmachen und Auftritten an Wochenenden verbracht, anstatt Frauen abzuschleppen; und jetzt, mit 32 Jahren, sind alle Mädels von damals verheiratet und haben Kinder mit irgendwelchen Rappern, die einfach nur peinlich sind, aber teure Schlitten geleast haben. Mit ihren mickrigen Gagen können die ihre Karren natürlich nicht abbezahlen, also gehen sie in die Werbung oder arbeiten für ihren Alten und laufen weiterhin rum wie Clowns, die sich als Rapper verkleidet haben. Und ich?
Ich rappe zwar wie ein Gott, sehe aber immer noch aus wie Mamas Liebling: Ich erinnere mich an einen Abend, an dem ich alle in Grund und Boden gerappt hatte. Genau in diesem Augenblick des Triumphs, noch bevor das Publikum aufgehört hatte zu klatschen, kam meine Ex zu mir und meinte: „Deine Cordhosen und dein Batman-Shirt gehen echt gar nicht!“ Dafür sieht sie selbst heute nicht gerade glücklich aus, wenn sie in dem dicken Auto von ihrem Möchtegernrapper-Gatten an mir vorbeifährt. Das mit den Status-Symbolen kann ich ja nachvollziehen, wenn man aus dem Ghetto kommt und zeigen will, dass man was erreicht hat im Leben. Aber wenn man bei Papa angestellt ist und mit seinem Dienstwagen rumfährt, ist das lächerlich. Zum Glück kommen Baggies und Goldketten bei den Jugendlichen wieder aus der Mode, während Cordhosen absolut zeitlos sind.
Allerdings muss ich zugeben, dass auch ich ein Status-Symbol für mich entdeckt habe: die alten Sonnenbrillen aus Westdeutschland, wie sie die alten Rapper aus der Southbronx, RUN-DMC oder Biz Markie, getragen haben. In New York, wo die 80er gerade wieder aufleben, reissen sich die Leute um diese eckigen Dinger. Die Brillen sind mittlerweile unbezahlbar und kaum noch zu finden. Die Schweiz dagegen hinkt da mal wieder etwas hinterher, so dass man die Brillen hier am Wochenende zu moderaten Preisen auf dem Flohmarkt findet. Ich liebe diese Brillen so sehr, dass ich mir eine habe anpassen lassen, damit ich sie jeden Tag tragen kann. Allerdings trage ich sie in Wirklichkeit nur an Tagen, an denen ich richtig gut drauf bin, da die Leute auf der Strasse lachen, wenn sie mich damit sehen. Die Brillen wirken nach aussen offenbar ziemlich bescheuert.
Grégoire „Greis“ Vuilleumier, 32 Jahre, hat 2007, 2008 und 2009 den „Swiss Hip Hop Music Award“ in der Kategorie „Best Solo Rapper“ gewonnen und 2010 den „Prix Walo“ in der Kategorie „DJ / Hip Hop“. Er ist für den MTV European Music Award nominiert, der im November in Madrid verliehen wird.