Exklusivinterview mit Prof. Dr. Peter Kruse
«Dieser Mensch protzt aus Trotz»
Prof. Kruse ist Honorarprofessor für Allgemeine und Organisations- psychologie an der Universität Bremen und gilt im Autoland Deutschland als «Querdenker Nummer 1».
Herr Prof. Kruse, was will uns ein Mensch sagen, der mit einem 500 PS starken Automobil an einer Ampel von 0 auf 100 km/h in 3,7 Sekunden beschleunigt?
Der will uns sagen: «Ich kümmere mich nicht um den Wertewandel, über den alle reden. Und ausserdem kann ich es mir leisten, etwas neben der Spur zu sein.» Kurz: Dieser Mensch protzt aus Trotz. Er will nicht ganz einsehen, dass das Ampelspiel von gestern ist und dass das Luxusauto als Status-Symbol ausgedient hat.
Was fahren Sie eigentlich für ein Auto?
Einen Jaguar S-Type.
Und was wollen Sie uns damit sagen?
Ich bin ein Ästhet. Ich gebe gerne etwas mehr Geld aus für gutes Design. Und mein Auto hat ein sehr klassisches, formschönes Retro-Design. Das hat aber nichts mit Status zu tun, sondern eben mit Ästhetik. Status ist nur eine Zwiebelschale des Wirkungsgrads eines Autos.
Ein Blogger kommentierte Ihren Abgesang aufs Auto als Status-Symbol so: «Seit tausenden von Jahren gehört zum Manne nicht nur sein getreuer Hund, sondern auch sein feuriges Ross. Das wird sich wohl auch nicht ändern.» Was entgegnen Sie ihm?
Die erste Aussage ist richtig: Der Mensch braucht Status-Symbole, um sich in einer bestimmten Rangordnung zu definieren, und vielleicht war das früher ein feuriges Ross und ganz bestimmt war das im letzten Jahrhundert zum Beispiel ein Ferrari. Nur ist es falsch, zu meinen, dass man auch in Zukunft über das Auto Status ausdrücken kann. Früher stand Mobilität für Freiheit und war ein Privileg. Heute wird das Freiheitsgefühl viel besser durch intelligente Mobiltelefone ausgedrückt als durch Autos. Luxusautos funktionieren nur noch in einem abgekoppelten, elitären Soziotop, wo sie aber kein Status-Symbol mehr darstellen. Status-Symbole funktionieren nur, so lange sie Rang klärend sind. Status-Spiele setzen unterschiedlichen Status voraus.
Unterscheiden sich Mann und Frau eigentlich in ihren Gefühlen zum Auto?
Ein Jahrhundert lang war es den Männern vorbehalten, das teure Konsumgut Auto zu kaufen. Sie waren die primäre Zielgruppe der Autowerbung. Dementsprechend sind sie viel stärker im Wertesystem Automobil gefangen als die Frauen. Die Frauen haben erst in den letzten Jahrzehnten an Marktmacht gewonnen. Auf sie geht der Boom der Premium-Kleinwagen zurück.
Demnächst kommt Ihre neueste Mobilitätsstudie 2010 heraus. Können Sie uns schon etwas verraten?
Unsere erste Mobilitätsstudie 2007 zeigte, dass bereits vor dem Finanzcrash viele Menschen daran zweifelten, dass in Zukunft Luxusautos noch Status-Symbole sein werden. Heute, 2010, bewahrheitet sich diese Vermutung: Das Auto ist für die meisten Menschen kein Status-Symbol mehr.
Wodurch wird das Status-Symbol Auto ersetzt?
Status folgt immer gesellschaftlichen Wertemustern und artikuliert sich in sozialen Resonanzfeldern. Zukünftige Resonanzfelder sehe ich im Bereich Entschleunigung und bewusstes Leben, in den neuen, digitalen Netzwerken, im souveränen Umgang mit «smart solutions», die den Ansprüchen von Mobilität, Ökologie und Gesellschaft gerecht werden. Und jetzt frage ich Sie: Wie viele dieser sozialen Resonanzfelder trifft das Auto? Ist es entschleunigend? Smart? Ökologisch oder sozial? Nein, im besten Fall ist das Auto heute funktional.
Wird es in Zukunft noch «Traumautos» geben?
Ja, aber vielleicht eher im nostalgischen Sinn. Träume von gestern, Flügeltüren und altes Leder, leben fort. Zudem wird Design wieder an Wert gewinnen. Aber die alten Traumautos, die mit viel PS, Hubraum und Beschleunigung, diese Traumautos sind Schnee von gestern. Oder sehen Sie noch Kinder Formel-1- oder Auto-Quartett spielen?

Die Fragen stellte Christoph Kohler. Er ist freier Journalist unter anderem für die NZZ und NZZ am Sonntag.