Ein Gastbeitrag von Bettina Weber

Möchtegern

Der Mensch neigt ja ein wenig zum Schaf-Sein. Das heisst: Er neigt zur Herdenbildung. Der Mensch ist nicht gern Aussenseiter und der urbane Mensch erst recht nicht, weil er sehr um seinen Coolness-Faktor bemüht ist. Dieser ist wiederum abhängig davon, ob man an den richtigen oder an den falschen Orten verkehrt. Das macht die Welt des urbanen Menschen, sprich: die Welt des Zürchers, denn das ist ja der einzige Schweizer, der in einer Grossstadt lebt, zu einem äusserst komplizierten Gebilde. Immer muss sich der Zürcher auf dem Laufenden halten, ansonsten er plötzlich am falschen Ort sein Bier trinkt und das recht eigentlich mit einem kompletten gesellschaftlichen Gesichtsverlust verbunden wäre.

Es droht das Paradox: Der urbane Mensch mit dem Hang zum Coolsein will nicht an Orten verkehren, an denen die Masse verkehrt. Er will Exklusivität. Er will aber auch nicht allein sein, sondern mit ein paar Auserwählten zusammen, die dann in sich wieder eine Art Masse bilden. Das ist nicht nur widersprüchlich, sondern eben auch ein bisschen doof, weil dem wirklich coolen, sprich souveränen, weil entspannten Menschen im Unterschied zum urbanen Menschen ziemlich Wurst ist, ob ein Ort hip ist oder nicht. Er geht einfach dorthin, wo das Essen fein ist. Oder die Bedienung freundlich. Oder die Musik gut. Oder wo man noch rauchen darf.

Nur der möchtegernurbane Mensch verlangt nach Status. Eben dieses Verlangen nutzen nun einige Zürcher Gastronomen für sich aus. Seit diesem Sommer erheben sie zum Beispiel eine Reservationsgebühr. Selbstverständlich handelte es sich dabei um Restaurants, die immer voll sind, weil sie als hip gelten. Die Gründe dafür bleiben zwar mysteriös, auch wenn sich das Lokal idyllisch am Wasser befindet oder so. Jedenfalls muss der möchtegernurbane Mensch da hin. Aber die Wirte sind ja nicht doof, die haben kapiert, dass man das Angebot verknappen muss, um sich noch interessanter zu machen. Sie wissen, dass der möchtegernurbane Mensch darob aus dem Häuschen gerät. Die 50 Franken würden jedenfalls anstandslos bezahlt, heisst es auf Anfrage. Obschon da das grundlegende Prinzip der Gastronomie, die Gastfreundschaft, auf den Kopf gestellt wird, funktioniert in Zürich so ein Auf-den-Kopf-Stellen der Verhältnisse. Weil der möchtegernurbane Zürcher denkt: Wenn die nur schon dafür, dass ich da einen Tisch reservieren kann, eine Gebühr verlangen, dann ist das wohl definitiv «the place to be». Dann verkehren dort die richtig Wichtigen. Und natürlich denkt er auch: Vielleicht fällt ja ein wenig vom Glanz dieser richtig Wichtigen auf mich ab, und darum würde er auch 100 Franken bezahlen für eine solche Reservation.

Es ist nun so, dass der souveräne Mensch niemals für eine Reservation bezahlen würde. Solche Restaurants erkennt er umgehend als provinziell und als möchtegernwichtig, da geht er nicht hin, das ist ihm zu angestrengt, und für blöd lässt er sich auch nicht gern verkaufen. Darum erkennt der souveränurbane Mensch den möchtegernurbanen Menschen sofort: Er ist die Personifizierung des Schafes. Der souveräne Mensch jedoch lacht im Angesicht solcher Angestrengtheit leise in sich hinein. Und nichts fürchtet der möchtegernurbane Mensch mehr als das.

Bettina Weber aus Zürich ist Gesellschaftsredaktorin beim Tages-Anzeiger