Aktueller Leitartikel von Christoph Kohler

Status durch Verschwendung

Wer glaubt, Verschwendung sei ein neuartiges Phänomen, hätte vor 100 Jahren die Kwakiutl-Indianer in der kanadischen Wildnis besuchen sollen.

Jede Zeit und jede Kultur kennt ihre eigenen Statusspiele. Heutzutage protzen dumpfe Schweizer mit dicken Karren, vor hundert Jahren überhäuften Häuptlinge der Kwakiutl-Indianer Rivalen und Untergebene mit Geschenken. Das Ziel war und ist das gleiche: die Demonstration des eigenen Status – im einen Fall dadurch, dass man zeigt, was man hat, im anderen Fall dadurch, dass man verschwendet, was man hat. Noch in den 1930er-Jahren hat ein Häuptling nachweislich bei einem Fest über 30.000 kostbare Decken verjubelt. Einige Ethnologen munkeln gar, Notable der Kwakiutl hätten bei ihren Schenkfesten – sogenannten „Potlatschs“ – gelegentlich gefangen genommene Indianer im eisigen Pazifik versenkt, nur um zu zeigen: „Schaut her, Untertanen, Emporkömmlinge, Herausforderer, schaut her, zu was ich imstande bin, welche Macht ich habe und welcher Reichtum mir eigen ist, dass ich so verschwenderisch sein kann.“ Denn Sklaven und Kupferplatten waren die kostbarsten Güter, die die Kwakiutl hatten.

Seit der amerikanische Volkskundler Franz Boas Ende des 19. Jahrhunderts die Kwakiutl-Indianer auf der Insel Vancouver zum Objekt seiner Forschung gemacht hat, ranken sich die eigentümlichsten Erzählungen um die Rituale der Kwakiutl. Noch heute redet man im Fachjargon vom „Potlatsch“, wenn es um demonstratives Schenken oder Verschwenden geht. Im Ursprung soll es vom indianischen Nootka-Wort „patshatl“ kommen, das „geben“ heisst, aber auch schon mit „fighting with property“ übersetzt wurde, was den Kern der Verschwendungsrituale ziemlich gut trifft. Denn tatsächlich ging es gemäss dem amerikanischen Indianerkenner John Bierhorst um „eine Art verfeinerter Kriegsführung, in der Symbole wie auch Güter die Waffen darstellten“. Der Potlatsch diente nämlich nicht nur der Statusbehauptung, sondern auch der Statuserringung. Im Wettstreit der demonstrativen Vernichtung des eigenen Besitzes versuchten Kontrahenten, einander zu übertreffen. Und das kam ziemlich häufig vor – während der Winterzeremonie, bei Begräbnissen Adliger, an Festen der Namensgebung. Der Potlatsch war Parlament und Gericht, Theater und Marktplatz; er war die zentrale gesellschaftliche Instanz der Kwakiutl, deren soziales Gefüge einigermassen komplex schien: Ein Ethnologe zählte einst 658 Rangstufen – in einem Stamm, der um 1900 nur noch rund 2000 Indianer zählte.

„Es ist ein strenges Gesetz, das uns gebietet, unser Eigentum unter den Freunden und Nachbarn zu verteilen“, erklärte ein Häuptling dem Forscher Boas 1896 bei dessen Ankunft auf Vancouver Island. „Soll der weisse Mann seine Gesetze beachten, wie wollen unsere beachten.“ Nicht umsonst hatten die Kwakiutl Boas zunächst für einen weiteren Missionar oder Regierungsbeamten gehalten – gesandt, um die Kwakiutl von den unsinnigen, manchmal ruinösen Schenkritualen zu bekehren. Der Potlatsch sei das Haupthindernis bei der Assimilation der Ureinwohner, hiess es. Die europäischen Einwanderer erkannten, dass das demonstrative Schenken, Verschwenden und Zerstören zutiefst unökonomisch war, zumal die Potlatschs immer aufwendiger wurden. Grund dafür war gerade der aufstrebende Fell-, Öl- und Kupferhandel mit den Weissen, der den Wohlstand einiger Kwakiutl rasch vergrösserte. Dadurch drehte sich das Karussell der Verschwendung immer schneller. Schon 1884 hatte die kanadische Regierung daher ein Gesetz erlassen, das den Potlatsch der Indianer verbot. Beim letzten dokumentierten Potlatsch, der 1936 heimlich während der Winterzeremonie abgehalten worden sein soll, sollen 33.000 Decken im Wert von je 1,50 Dollar verschenkt worden sein. Hinzu kamen Kupferplatten im Wert von rund 5000 Dollar, die im Meer versenkt wurden. Knapp hundert Jahre vorher waren es 320 Decken gewesen.

Kultstatus erlangte der Potlatsch erst in den 1950er-Jahren wieder, als der berühmte surrealistische französische Denker George Bataille die Schenkrituale der Kwakiutl in sein Argumentarium für eine „Aufhebung der Ökonomie“ integrierte. Die Verschwendung sei der eigentliche Sinn des Menschseins, behauptete Bataille, Überschüsse seien zu vernichten, statt Reichtümer aufzubauen. Während klassische Ökonomen von knappen Ressourcen sprachen, huldigte Bataille der Verschwendung. Damit wurden er und ein bisschen halt auch die Kwakiutl-Indianer zu Vordenkern der späteren, postmodernen Kritik der Vernunft.

Christoph Kohler ist freier Journalist und Filmemacher und schreibt unter anderem für die NZZ.