Eine Status-Analyse von Michael Brake

Status-Symbol Status-Meldung

In der postmaterialistischen Gesellschaft taugen Reichtum, schnelle Autos und goldene Uhren nicht mehr als Symbole für den eigenen Status. Stattdessen wird ein Status selbst zum Symbol: der Facebook-Status. Und mit ihm zusammen sein hektischer Cousin, das Twitter-Update. Die Status-Meldungen sind das Paradies der exzessiven öffentlichen Selbstverwirklichung: Wir sind wild, immer unterwegs, haben tausend Freunde und machen genau unser Ding. Man muss nicht mal lügen – wie beim Lebenslauf-Schreiben reicht es schon, ein paar langweilige Details zu verschweigen. Und schon ist man ...

... der Szenegänger:

Tagsüber hört man irgendwie nichts von ihm, aber pünktlich gegen 16.30 Uhr leitet er das Abendprogramm mit einem legeren „Und wo sehen wir uns heute zum Apéro?“ ein. Drei Stunden später meldet er sich von einer Lecture über Contemporary Character Design oder Nasenflötenkonzert in einem illegalen Kellerclub. Danach geht es weiter: „Cocktail-Tweet-up im Longstreet“. „Spontankonzert in der Wohnung von @XYZ“. „Na gut, dann doch noch ins Helsinki”. Zwar ist es fast überall nur mittelmässig: „Wer hat denn die Kinder reingelassen? 7 Franken für ein kleines Bier! #nadannprost“. Aber der Szenegänger hat natürlich stets noch eine Alternative am Start. Denn solange es Clubs gibt, in denen Leute akzeptiert werden, die ununterbrochen auf ihr Smartphone starren, geht die Party weiter.

... der Getting-Things-Done-Typ:

Er ist dein permanent anwesendes schlechtes Gewissen. Er ist „Erster im Büro!“, zwei Stunden bevor dein Wecker klingelt. Er erstellt die ToDo für nächste Woche. – am Dienstag! Er teilt dir ungefragt mit: „[x] Offerte geschrieben. [x] Posteingang leer. [x] Meeting.“ Während du an deinem Job verzweifelst, erzählt er dir von seinem persönlichen “Thumbs-Up-Moment des Tages. :)“. Und in seiner Freizeit geht er joggen und redet darüber: „Der zweite 15er-Trainingslauf innerhalb von 3 Tagen. Manchmal wundere ich mich über mich selbst.“ Sogar das Nichtstun kann er effektiver gestalten – weil er es sich verdient hat: „Nach einer 60-Stunden- Woche wird jetzt gepflegt auf dem Sofa gechillt.“ Wir, äh, fangen dann auch mal an zu arbeiten.

... der Superzufriedene:

Er hat sein Nest gebaut und jedes seiner Updates sagt: „Schaut her, wie gut es uns geht!“ Im Mittelpunkt: die eigenen Familienmitglieder, die grundsätzlich immer (immer!) als Daddy Star, Prinzessin, Sohnemann und Töchterchen auftreten. „djgngnjgnhkfhjkbfjkhbnfhjbnkn – Sohnemann twittert jetzt auch :-)“ – „Töchterchen hat den Schoggisong aus der Werbung für sich entdeckt! *Augen-roll*“ – „Werde meine Prinzessin heute mit Blumen überraschen“ – „Dann werde ich erst mal das Osterfrühstück für die Familie machen.“ Überhaupt, essen, backen, kochen: Höhepunkt der harmonievollen Woche ist ein „Lammcarré in Sherrysauce, perfekt gegart. Küsst den Koch! ;-)“ – mit Foto. Und abends gibt es ein gutes Glas Rotwein. Ihr findet das spiessig? Die Superzufriedenen wissen genau: Ihr seid bloss neidisch!

... der Traveller:

Gestern Berlin, heute Genf, morgen Kopenhagen und: „Nächste Woche London, danach endlich Sonne tanken“. Der Traveller scheint sein halbes Leben im Speisewagen zu verbringen – und die andere Hälfte in der VIP-Vielflieger- Lounge. Manchmal lässt er nur ganz nebenbei fallen, wo er nun schon wieder ist: „Ach so, soll ich jemandem was aus LA mitbringen? #dollarkurs“. Manchmal posaunt er noch die banalsten Features des Reiseziels in die Welt hinaus: „Alle Leute in New York sprechen Englisch. Ausser die Taxifahrer.“ Seine Facebook- Profilfotos zeigen ihn: 1. im australischen Outback 2. beim Kamelreiten 3. auf dem Eiffelturm 4. an irgendeinem Strand. Nur manchmal wird seine ewig währende Reise unfreiwillig unterbrochen: „Epic Fail! Zugpanne vor Olten. Stehen seit 45 min rum. Wo bleibt die SBB Minibar?“

Michael Brake arbeitet als freier Journalist und Lektor in Berlin und schreibt regelmässig für die tageszeitung (taz).