Small Talk

"Mit dieser Karre erreichst du, wovon du sonst nur träumst."

Urs Kaegi, Verkehrspsychologe aus Lommiswil SO, schreibt Gutachten über Leute, die unter Raser-Verdacht stehen. Anders gesagt: Er ist Experte in Sachen Angeben mit Autos.
Protzen mit Autos: Funktioniert das überhaupt noch?
Aber sicher. Fragt sich nur, wer bei wem aufschneiden will. Wenn ältere Herren in Porsches bei jungen Damen Eindruck schinden wollen, ist das was anderes, als wenn Migranten mit dem Mercedes in ihre Heimat fahren und den Daheimgebliebenen zeigen, wie viel Geld sie in der Tasche haben. Autos sind Status-Symbole. Die Werbung bringt die Wirkung des Symbols geschickt ins Spiel, nach der Masche: Mit dieser Karre erreichst du, wovon du sonst nur träumst.
Sie sagten einmal, dass Frauen keine grossen Autos fahren, weil sie auf solche Status-Symbole nicht ansprechen. Warum sollten sich Männer Mordskarren kaufen, wenn sie so eh nur andere Männer beeindrucken?
Nicht alle, aber die meisten Frauen sprechen auf grosse Wagen nicht an! Vermutlich ist dieses Spiel mit dem Protzen über Autos für Frauen viel zu durchsichtig. Bei Männern könnte man evolutionsbiologisch argumentieren, dass sie mit den grossen Autos mögliche Widersacher aus dem Feld räumen wollen. Vielleicht stilisieren sie sich aber auch deshalb mit einem Wagen, um Unsicherheiten zu verbergen. Vielschichtigkeit vermeiden sie, statt dessen fahren sie grossspurig ein, wie es Viktor Giacobbo mit seiner Figur Harry Hasler parodistisch auf den Punkt bringt.
Ist das Angeben mit Autos so verlockend, weil wir in einer Welt leben, die vor Sicherheitsmassnahmen und Tempolimiten strotzt?
Dieses Argument hört man öfter: „Man muss die Leute verstehen, wenn sie ausbrechen wollen aus dieser übertriebenen Rechtsordnung.“ Ich kann auch gut nachvollziehen, dass Junge das Bedürfnis nach Rebellion haben. Mir scheint der Strassenverkehr aber der falsche Ort dafür.
Kann man Raser und Autotuner als Asphalt-Rebellen sehen?
„Raser“, die ich begutachte, geben sich gesellschaftspolitisch meist wenig revolutionär. Ausser auf der Strasse sehen sie selten Einschränkungen, gegen die man sich wehren müsste.
Florian Leu ist Stadtspaziergänger in Zürich und schreibt für Tages-Anzeiger, NZZ Folio u.a.